Felix100kmDE

Alles ab 42,2km


Im Ziel – 2013

Die 100 Kilometer von Biel 
Dieser Lauf war früher Schweizer Soldaten vorbehalten. Heute starten dort Amateursportler und Profis. Für mich ist es ein absoluter Traum: Als Finisher über die legendäre Ziellinie laufen! Kann ich das schaffen?


Meine Vorbereitung
Die sportlichen Vorbereitungen für den 100-Kilometer-Lauf ging ich im Jahr 2012 locker an. Ab Oktober war ich zwei Mal pro Woche auf Strecken zwischen zehn und 15 Kilometern unterwegs. Erst ab 2013 trainierte ich nach einem festen Plan. Dazu haben mein Vater und ich uns am Anfängerplan der nützlichen Website laufreport.de orientiert und passten diesen an meinen Schulalltag in der 10. Klasse des Gymnasiums an. Das sah ungefähr so aus:

big_29335135_0_400-300

Mein Trainingsplan gab einen vierwöchigen Turnus vor: Drei Wochen lang steigerte ich mein Laufpensum stetig, in der vierten Woche folgte eine Entlastungsphase, in der ich weniger trainierte. Unter der Woche bin ich drei kurze Läufe von zehn bis 15 Kilometern gelaufen und am Wochenende eine längere Einheit bis zu 35 Kilometer. So habe ich immer in der dritten Woche ein Laufpensum von 100 Wochenkilometern erreicht. Sechs Wochen vor dem Lauf in Biel sind mein Vater und ich einen Normal-Marathon gelaufen, um unsere Leistung besser einschätzen zu können.

Als 17-facher Marathon-Finisher und zweifacher Ironman-Finisher lieferte mein Vater für meine sportliche Vorbereitung viele Tipps. Er hat alle langen Trainingseinheiten in Etappen unterteilt, damit erst gar nicht der Gedanke aufkam: „O Gott, jetzt muss ich 30 Kilometer laufen“. Meine größte Herausforderung: die 23 Trainingswochen irgendwie durchzuhalten. Und das auch noch im Winter! Im Schnee musste ich oft zwei Schritte machen, um einen nach vorne zu kommen. Doch genau dieses Training stärkte mein Durchhaltevermögen. Auch das Laufen in der Gruppe hat mir sehr geholfen. Im Ort sprach sich schnell herum, was wir vorhatten. So mussten wir die langen Läufe eigentlich nie alleine bestreiten. Danke an alle Laufpartner!

big_29335127_0_300-225

Eine gute Vorbereitung mit perfekter Unterstützung von vielen Seiten liegt hinter mir. Und jetzt? Die quälende Frage ist: Was kann in Biel noch schief gehen… äh laufen?

Der 100-Kilometer-Lauf
Der große Tag ist da! Dieses Datum werde ich wohl für den Rest meines Lebens nicht vergessen: Freitag, 07. Juni 2013. Mein Vater und ich werden die 100 Kilometer gemeinsam laufen. Wir stehen im Startbereich und spüren die Spannung in uns und um uns herum steigen. Vor einigen Minuten hat sich die Sonne hinter den Horizont gesenkt. Der Start rückt näher. Traditionell laufen die Starter von Biel durch die Nacht hindurch und in den heller werdenden Tag hinein. Die Begleitfahrräder der Läufer sind vor einer halben Stunde losgefahren. Sie werden bei Kilometer 22 auf uns warten. Mit dabei: mein älterer Bruder Johannes mit Taschen voll Getränken und Proviant.

Schuss in der Nacht
Es ist 22 Uhr. Der Startschuss fällt. Durch Biel läuft es gut, außerhalb der Stadt herrscht absolute Stille. Nach zehn Kilometern kommt der erste Berg, der sich gefühlt ewig hinstreckt. Da werden wir auch schon vom ersten Halbmarathonläufer überholt. Eine Weile später, im Zielbereich der Halbmarathonläufer, werden wir 500 Meter lang von Gejubel und Beifall begleitet. Danach geht es in absoluter Stille weiter durch die stockdunkle Nacht.

Kettenriss
Endlich treffen wir auf die Begleitfahrräder und auf Johannes. Vor der nächsten Verpflegungsstation geht es 500 Meter einen steilen Berg hoch. Da fällt mir auf, dass mein Bruder nicht mehr da ist. Er wird doch nicht an der Station vorbeigefahren sein? Mein Vater und ich stärken uns gerade mit Wasser, Bouillon und Cola – als Johannes das Fahrrad schiebend ankommt. Die Kette ist gerissen! Eine Stunde lang versuchen wir gemeinsam, sein Bike zu reparieren. Auch ein Schweizer packt mit an. Vergeblich. Johannes muss bis Kilometer 38 schieben, dort nimmt er den Shuttlebus zurück nach Biel.

Belastungsprobe
Wir sind jetzt auf uns alleine gestellt. Ernsthaft überlege ich, abzubrechen und auszusteigen. Es ist drei Uhr nachts. Ich bin furchtbar müde und nicke immer wieder beim Laufen ein. Trotzdem gebe ich nicht auf, sondern trotte weiter bis zur nächsten Versorgungsstation bei Kilometer 45. Plötzlich kommt mir mein 16. Geburtstag in den Sinn: An diesem Tag unternahmen wir mit einer Gruppe einen längeren Lauf. Da zog mein Vater bei Kilometer 17 eine Überraschung aus der Tasche: ein Transparent, das Johannes und er für mich gestaltet hatten. Wir konnten in diesem Moment meinen 16. Geburtstag u-n-d meinen 400. Laufkilometer dieses Jahres feiern. Diese Aktion hatte mich damals total überwältigt! Von den positiven Erinnerungen motiviert, laufe ich von nun an leichter weiter.

big_29335183_0_400-300

Bei Kilometer 50 kommt meine gute Laune zurück. Wir haben die Hälfte der Strecke geschafft, außerdem wird es jetzt endlich hell! Das halten wir auf einem Foto fest. Fünf Kilometer später beginnt der Ho-Chi-Minh-Pfad. Überall liegen größere Steine und Wurzeln im Weg. Anfangs komme ich mit dem Gelände ganz gut zu Recht. Bei Kilometer 65 will ich nur noch eines: raus aus diesem Dschungel! Nach weiteren – langen – zwei Kilometern ist der Pfad endlich zu Ende.

Auf tauben Füßen
Ab Kilometer 70 quälen wir uns bis zur nächsten Versorgungsstation. Kurze Pause, Flaschen auffüllen. Mittlerweile hat es 25 Grad im Schatten und der letzte größere Berg liegt direkt vor uns. In der Hitze geht es einen Kilometer bergauf, dann wieder bergab. Unten erreichen wir Kilometer 80. Inzwischen ist die Temperatur auf 30 Grad gestiegen. Meine Füße? Ganz ehrlich: Die spüre ich vor Schmerzen gar nicht mehr.

Im Wechselmodus
Ab Kilometer 81 geht es an einem Kanal entlang. Johannes fehlt: Zwei Kilometer vor der nächsten Versorgungsstation haben wir kein Wasser mehr. Bei Kilometer 88 gibt es endlich Getränke. Von nun an gehen und laufen wir je einen Kilometer im Wechsel. Bei Kilometer 95 sind alle Schmerzen so gut wie vergessen. Deshalb laufen wir bis Kilometer 98. Doch von da an kann mein Vater nur noch gehen.

Einen Kilometer vor dem Ziel sehen wir Johannes: Er steht am Rand der Laufstrecke mit einem gelben T-Shirt mit der Aufschrift: „felix100km.de“. Wahnsinn!

Geschafft!
Dann sehe ich es: das ZIEL. Nach 16 Stunden und 43 Minuten laufe ich über die Linie. Der Einlaufsprecher sagt meinen Namen. Ich habe es tatsächlich geschafft! Als jüngster Teilnehmer und als Vierter in der Altersklasse U20: die 100 Kilometer von Biel.

big_29768921_0_511-768

Guter Zweck
Als Grundschüler habe ich vor vielen Jahren beim Kinder-Triathlon am Kuhsee den dritten Platz belegt. Das machte die Runde in meiner Schule, der Leopold-Mozart-Grundschule in Leitershofen. Eine Erfahrung, die ich nie vergessen werde und die mich bis heute motiviert. Deshalb ist es mir eine Ehre, der Schule etwas zurückgeben zu können.

Meine Idee war es, die zu laufenden Kilometer in Biel einzeln zu verkaufen. Pro gelaufenem Kilometer sollte dem Förderverein meiner ehemaligen Grundschule ein Euro zur Verfügung gestellt werden. Da der Stadtberger Bürgermeister Paul Metz sich spontan in die gesamten 100 Kilometer „einkaufte“, konnte ich die Entfernung gleich mehrfach verkaufen. Insgesamt kam ein Betrag von 333 Euro zusammen, das Foto der Spendenübergabe findet ihr in der Rubrik Charity.
Mein besonderer Dank geht an:
Paul Metz, erster Bürgermeister der Stadt Stadtbergen,
Christoph Gruber, Inhaber des Lokals „Bayern Kini“ in Augsburg-Pfersee,
Sandra Höckmayer, Andrea Gartner sowie meinen Vater Hans-Rainer Berlin, Allianz-Generalvertretung Augsburg-Stadtbergen.

big_29432953_0_250-187

DANKE…
> meiner Mama für ihr Verständnis meiner Launen. Besonders dann, wenn’s mal nicht so lief. Und für das Erledigen der vielen Wäsche, die Papa eigentlich übernehmen wollte. Bei insgesamt drei Läufern mit vier Einheiten pro Woche über dreiundzwanzig Wochen hinweg sind das… über hundert Waschmaschinenladungen!
> meinen Papa, der sich die gesamte Zeit wie ein Coach um alles gekümmert hat. Er hat den Laufplan erstellt, mich ständig motiviert und mich dort ausgebremst, wo es nötig war. Und natürlich dafür, dass er mich beim Lauf selbst begleitet hat.
> meinem älteren Bruder Johannes, der mich als erfahrener Marathoni auf vielen Läufen begleitete und, wenn nötig, ein Auto auf der halben Strecke als Servicestation deponierte. Und dafür, dass er meinen Vater und mich per Fahrrad in Biel begleitete solange es die Fahrradkette zuließ.
> meinem kleinen, damals 5-jährigen, Bruder Raphael, der mich motivierte, weil er allen erzählte, die es wissen oder nicht wissen wollten, dass ich 100 Kilometer rennen werde.
> dem Stadtberger Bürgermeister Paul Metz, der meinen Lauf für einen guten Zweck so großzügig unterstützte.
> allen Trainingspartnern, insbesondere Randolf, der mich immer motivierte und ebenfalls die 100 Kilometer mitgelaufen ist, sowie Julia, Tine und Maria und viele weitere…